Nextcloud vs ownCloud 2026: Der Vergleich mit eigener Messung statt Prospekt

Nextcloud vs ownCloud 2026: Der Vergleich mit eigener Messung statt Prospekt

Nextcloud vs ownCloud ist der Vergleich, bei dem im Netz fast überall dieselbe Geschichte steht: 2016 gab es einen Streit, der Gründer ging, Nextcloud gewann, ownCloud ist tot. Diese Geschichte ist bequem, gut erzählbar — und in einem entscheidenden Punkt falsch.

Wir haben deshalb nicht noch eine Feature-Tabelle abgeschrieben, sondern ownCloud Infinite Scale am 18. September 2026 selbst aufgesetzt, gestartet, befüllt und vermessen. Auf denselben Server, mit derselben Methodik wie bei unserem Nextcloud Test, damit die Zahlen überhaupt vergleichbar sind.

Das wichtigste Ergebnis vorweg, weil es die Grundannahme des ganzen Vergleichs verschiebt:

ownCloud Infinite Scale startete bei uns in 2,0 Sekunden bis zur ersten beantworteten WebDAV-Anfrage, brauchte 255 MB RAM und läuft als ein einziger Prozess ohne externe Datenbank. Die klassische ownCloud-Reihe, die angeblich tot ist, hat am 30. Juli 2026 die Hauptversion 11.0.0 veröffentlicht — mit 11 Sicherheitskorrekturen.

Beides zusammen heißt: Wer „Nextcloud vs ownCloud” fragt, vergleicht heute nicht zwei ähnliche Produkte, sondern drei verschiedene Dinge — und die meisten Artikel kennen nur zwei davon.

Zwei Serverarchitekturen nebeneinander in einem dunklen Rechenzentrum: links klassische Racks mit blauen und grünen Statuslichtern, rechts dieselben Racks umschlossen von einem leuchtenden Netz aus grünen Knoten und Verbindungslinien

Nextcloud vs ownCloud: Was hier eigentlich gegeneinander antritt

Der erste Fehler passiert vor dem ersten Argument — bei der Frage, wer überhaupt antritt. Es gibt heute drei Produkte, nicht zwei:

Was es istSpracheLizenzAktueller Stand (18.09.2026)
Nextcloud HubDer Fork von 2016, gewachsen zur Komplett-SuitePHPAGPL-3.035.0.0 (15.09.2026)
ownCloud Server („Classic”, ownCloud 10/11)Die ursprüngliche PHP-CodebasisPHPAGPL-3.011.0.0 (30.07.2026)
ownCloud Infinite Scale (oCIS)Vollständige Neuentwicklung in GoGoApache-2.08.2.0 (10.08.2026)

Alle drei Daten stammen aus den jeweiligen GitHub-Release-Feeds, abgerufen am 18.09.2026 — nicht aus Blogartikeln über diese Releases.

Und hier liegt der Befund, der die meisten Vergleiche entwertet: Fast jeder Artikel behandelt „ownCloud” als PHP-Software mit Datenbank und vergleicht sie mit Nextcloud. Das beschreibt ownCloud Classic. Das strategische Produkt der Firma ist aber seit Jahren oCIS — und das hat mit Nextcloud technisch fast nichts mehr gemeinsam. Keine PHP-Laufzeit, keine MySQL-Datenbank, kein Apache. Ein Vergleich, der das übersieht, vergleicht Nextcloud mit einem Produkt, das der Hersteller selbst nicht mehr in den Mittelpunkt stellt.

Umgekehrt gilt aber genauso: Die verbreitete Behauptung „ownCloud Classic ist eingestellt” ist ebenfalls falsch. Wir haben nachgesehen, statt sie zu glauben.

Ist ownCloud tot? Die Messung sagt nein

Der Satz „ownCloud ist tot” steht seit Jahren in Foren. Gemessen am Repository owncloud/core stimmt er nicht:

  • v11.0.0 erschien am 30.07.2026 als reguläres Release, nicht als Vorabversion. Die Release-Notes nennen wörtlich „Classic ownCloud Server 11.0.0 — the first major release of the 11.x line” und 11 Sicherheitskorrekturen, verbunden mit einer klaren Upgrade-Empfehlung.
  • In den 90 Tagen vor dem 18.09.2026 liegen allein auf der ersten API-Seite 100 Commits. Der aktivste menschliche Autor ist mit 30 Commits DeepDiver1975 — ein Entwickler, der seit den Anfangsjahren dabei ist.
  • Der letzte Commit stammte beim Abruf vom 16.09.2026, also zwei Tage vor diesem Artikel.

Das Release bringt zudem PHP 8.3 als Mindestversion und eine neue Code-Signatur-Infrastruktur (G2-PKI, ECDSA-P384/SHA-384). Das ist keine Pflegemaßnahme, das ist Arbeit an den Grundlagen.

🔑 Ehrlich dazugesagt: Aktivität in einem Repository ist kein Beweis für eine gesunde Produktstrategie. Sie beweist nur, dass Code entsteht. Aber sie widerlegt die konkrete Behauptung „da passiert nichts mehr” — und genau diese Behauptung ist die Grundlage vieler Kaufentscheidungen.

Zum Vergleich die Größenordnung bei Nextcloud, gleiche Methode, gleicher Tag: 36.837 Sterne, 5.225 Forks, 3.643 offene Issues gegenüber ownCloud Classic mit 8.833 Sternen, 2.059 Forks, 141 offenen Issues und oCIS mit 2.122 Sternen, 619 offenen Issues. Nextcloud ist unbestreitbar das größere Projekt mit der größeren Community. Das ist ein echtes Argument — nur eben ein anderes als „die anderen sind tot”.

Der Fork von 2016 — und was daraus wirklich wurde

Im Juni 2016 verließ Frank Karlitschek ownCloud und gründete Nextcloud. Ein großer Teil des Kernteams ging mit. Die US-Gesellschaft von ownCloud stellte kurz darauf den Betrieb ein. So weit die bekannte Geschichte.

Was seltener erzählt wird, ist der zweite Teil: ownCloud blieb in Nürnberg bestehen und traf eine radikale Entscheidung — statt die PHP-Basis weiterzuentwickeln, wurde komplett neu in Go geschrieben. Das Ergebnis ist oCIS, dessen Repository laut GitHub bereits am 15.08.2019 angelegt wurde. Die Neuentwicklung läuft also seit über sieben Jahren.

Der dritte Teil wird fast nie erwähnt und ist strategisch der wichtigste: ownCloud gehört seit der Übernahme 2023/2024 zum US-Unternehmen Kiteworks (San Mateo, Kalifornien). Das ist kein Gerücht, sondern steht in der Navigation der offiziellen Dokumentation: Die oCIS-Doku firmiert dort unter „Documentation for ownCloud (A Kiteworks Company)”, und auf owncloud.com verweisen mehrere Menüpunkte auf ein „Kiteworks Open Source Program Office for ownCloud”.

Für eine Kaufentscheidung ist das relevanter als jede Feature-Zeile:

  • Nextcloud GmbH ist ein deutsches Unternehmen, das seinen Umsatz direkt mit der Software macht, die man selbst hostet.
  • ownCloud ist heute die Open-Source-Sparte eines US-Konzerns, dessen Hauptprodukt ein anderes ist.

Wer aus DSGVO- oder Souveränitätsgründen self-hostet — und das ist bei deutschen Behörden, Schulen und Mittelständlern der Normalfall — sollte diesen Punkt kennen. Er sagt nichts über Codequalität, aber viel über die Frage, wessen Prioritäten die Roadmap in fünf Jahren bestimmen. Die Lizenzen ändern sich dadurch übrigens nicht: oCIS steht unter Apache-2.0, Classic und Nextcloud unter AGPL-3.0 — direkt in den LICENSE-Dateien nachgesehen.

Abstrakte Grafik: ein leuchtendes cyanfarbenes Band verläuft waagerecht über dunkelblauem Hintergrund und hebt sich in der Mitte zu einem Plateau, bevor es beidseitig wieder abflacht

Architektur: Der Unterschied, der alles andere erklärt

Hier trennen sich die Produkte wirklich — und es ist kein Geschmacksunterschied, sondern eine andere Bauart.

Nextcloud ist eine PHP-Anwendung. Jede Anfrage startet einen PHP-Vorgang, der gegen eine Datenbank arbeitet. Die composer.json fordert PHP ≥ 8.3 und knapp zwanzig Erweiterungen (gd, curl, pdo, zip, xml und weitere). Dazu kommen Webserver, Datenbank und praktisch immer Redis. Das ist ein bewährter, gut verstandener Stapel — aber es sind mehrere Dienste, die zusammenpassen müssen.

oCIS ist eine einzige Go-Binärdatei. Wir haben in den laufenden Container geschaut, statt es dem Marketing zu glauben:

$ docker exec ocis-test ps aux
PID   USER       TIME  COMMAND
    1 ocis-use   0:02  ocis server

Ein Prozess. Und in diesem einen Prozess laufen laut ocis list 34 interne Dienste: proxy, graph, idp, idm, webdav, ocdav, search, thumbnails, sharing, postprocessing, nats und weitere. Das ist eine Microservice-Architektur, die im Normalbetrieb als ein Prozess gebündelt ist — und sich bei Bedarf auf mehrere Maschinen aufteilen lässt. Daher der Name „Infinite Scale”.

Die Zahlen aus dem laufenden Betrieb, alle selbst gemessen am 18.09.2026:

MesswertoCIS 8.2.0
Docker-Image323 MB
Prozesse im Container1
Interne Dienste34
Lauschende Ports im Container73
Davon nach außen erreichbar1 (Port 9200)
Arbeitsspeicher im Leerlauf255 MB
Arbeitsspeicher nach 1.200 Uploads250 MB
Externe Datenbankkeine
Methodik: docker stats --no-stream, docker exec … netstat -tln, ocis list. Host: 12 Kerne, 22 GB RAM, Docker 29.2.1.

Zwei Dinge sind daran bemerkenswert.

Erstens: 73 offene Ports klingen nach einem Sicherheitsproblem — sind aber keins. Wir haben nachgezählt: 72 davon lauschen auf 127.0.0.1, nur Port 9200 ist nach außen gebunden. Das ist genau die Bauweise, die wir in unserem Artikel über IT-Sicherheitslücken als richtig beschreiben — Dienste, die niemand von außen braucht, gehören auf das Loopback-Interface. Hätten wir nur die Portzahl genannt, wäre daraus eine Falschmeldung geworden. Eine Zahl ohne ihre Bindungsadresse ist bei Ports keine Aussage über Sicherheit.

Zweitens: Der Arbeitsspeicher ist nach 1.200 Uploads nicht gestiegen, sondern minimal gefallen (255 → 250 MB). Bei einer PHP-Anwendung wäre das anders zu erwarten, weil dort Prozesspools und Caches mitwachsen.

Isometrische Darstellung eines würfelförmigen Containers auf dunkler Fläche mit leuchtenden cyanfarbenen Leiterbahnen, dessen Oberseite von einem feingliedrigen geometrischen Lichtgitter durchzogen ist

Kein Datenbankserver — aber nicht „keine Datenbank”

Der oft zitierte Satz „oCIS braucht keine Datenbank” stimmt nur mit Einschränkung, und die gehört dazu. Wir haben im Datenverzeichnis nachgesehen:

data/storage/users/spaces/…/nodes/cb/df/52/e3/…/f00193.txt
data/nats/jetstream/$G/streams/KV_postprocessing/msgs/index.db

Es gibt keinen MySQL- oder PostgreSQL-Server, das stimmt. Metadaten liegen im „Decomposed Filesystem” direkt neben den Dateien, verteilt über eine mehrstufige Verzeichnisstruktur. Aber es existieren sehr wohl vier index.db-Dateien — eingebettete Speicher des internen NATS-Nachrichtensystems.

Die ehrliche Formulierung lautet also: oCIS braucht keinen separaten Datenbankserver, den man betreiben, sichern und aktualisieren muss. Das ist betrieblich ein echter Vorteil — aber es ist nicht dasselbe wie „speichert alles in reinen Dateien”.

Für die Datensicherung hat das eine praktische Folge, die in die entgegengesetzte Richtung zeigt als erwartet: Bei Nextcloud sichert man Dateien und Datenbank, und beide müssen zeitlich zusammenpassen. Bei oCIS sichert man ein Verzeichnis — muss dabei aber einen konsistenten Stand erwischen, während im Hintergrund NATS-Streams geschrieben werden. Einfacher, nicht trivial.

Startzeit: 2 Sekunden — und die Falle dahinter

Wir haben die Zeit vom docker compose up bis zur ersten beantworteten Anfrage gestoppt. Das Ergebnis war beim ersten Durchlauf irreführend, und der Umweg ist lehrreicher als die Zahl.

Erster Messwert: HTTP 200 auf der Startseite nach 1,76 Sekunden. Sieht nach einem fantastischen Wert aus. War aber eine Falschmessung — denn im selben Moment lieferte die WebDAV-Schnittstelle noch 401, und zwar dauerhaft, nicht nur kurz.

Der Grund war nicht Langsamkeit, sondern eine Voreinstellung: oCIS hat Basic Auth standardmäßig deaktiviert. Erst mit PROXY_ENABLE_BASIC_AUTH=true antwortete die API. Danach:

MessungoCIS 8.2.0
Bis HTTP 200 auf /1,76 s
Bis WebDAV PROPFIND → 2072,05 s

🔑 Zwei Lehren stecken darin. Die erste ist methodisch: Ein Dienst, der auf der Startseite antwortet, ist nicht einsatzbereit — er ist erreichbar. Genau diesen Unterschied beschreiben wir auch in unserem Nextcloud Test; hier wäre er beinahe zu einer viel zu guten Zahl geworden.

Die zweite ist inhaltlich und spricht für oCIS: Dass Basic Auth ab Werk aus ist, ist die sicherere Voreinstellung. Passwörter im Authorization-Header sind für automatisierte Angriffe attraktiv; der vorgesehene Weg ist OpenID Connect. Nextcloud lässt Basic Auth per WebDAV standardmäßig zu. Für uns bedeutete es fünf Minuten Sucharbeit — für einen produktiven Server ist es die richtige Entscheidung des Herstellers.

Zum Einordnen: Ein Nextcloud-Stapel (PHP-FPM, Datenbank, Redis, Webserver) braucht bis zur bedienbaren Oberfläche üblicherweise deutlich länger als zwei Sekunden. Wir nennen hier bewusst keine Vergleichszahl, weil wir die beiden Systeme nicht am selben Tag unter identischen Bedingungen gestartet haben. Eine abgeschriebene Zahl sieht in einer Tabelle identisch aus wie eine gemessene.

Upload-Geschwindigkeit: der direkte Vergleich

Jetzt zur Frage, die im Alltag über Zufriedenheit entscheidet: Wie schnell landen viele kleine Dateien im System? In unserem Nextcloud Test war das der schmerzhafteste Punkt — 3,6 Dateien pro Sekunde über WebDAV.

Damit der Vergleich trägt, haben wir die Methodik angeglichen: 500 Dateien à 20 KB, ein einziger curl-Prozess mit persistenter Verbindung, genau wie damals.

SystemDateienDauerDateien/sPro Datei
Nextcloud 33.0.8 (20.08.2026)500 × 20 KB133,6 s3,7~270 ms
oCIS 8.2.0 (18.09.2026)500 × 20 KB28,3 s17,756,6 ms

Das ist Faktor 4,8 zugunsten von oCIS. Der Unterschied ist kein Messrauschen, sondern der erwartbare Effekt der Architektur: Bei Nextcloud kostet jede Datei eine vollständige PHP-Anfrage samt Datenbankschreibvorgängen, bei oCIS bearbeitet ein laufender Go-Prozess die Anfrage direkt.

Eine zweite Messreihe mit 200 Dateien à 2 KB und jeweils eigenem curl-Prozess ergab 11,8 Dateien/s bei 85,6 ms Median — langsamer, weil dort Prozessstart und TLS-Handshake mitgemessen werden. Beide Läufe zusammen ergeben ein konsistentes Bild.

⚠️ Ein eigener Messfehler gehört hierher, weil er beinahe im Artikel gelandet wäre. Während des ersten Durchlaufs habe ich zwischendurch gezählt, wie viele Dateien schon angekommen waren, und daraus „ungefähr 0,3 Dateien pro Sekunde” geschlossen — ein katastrophaler Wert. Der Endzeitstempel desselben Laufs sagte dann 13 Dateien/s. Beides konnte nicht stimmen.

Statt mich für die schönere Zahl zu entscheiden, habe ich den Lauf mit sauberer Instrumentierung wiederholt (Einzelmessung pro Datei, Median und Maximum statt nur Gesamtzeit). Ergebnis: 11,8/s, Maximum 114 ms, also keine Ausreißer. Mein Zwischenstand war schlicht falsch — ich hatte den Abstand meiner Stichproben mit der Laufzeit verwechselt. 🔑 Zwei Instrumente, die sich widersprechen, sind eine Aufforderung zum dritten Messen — nicht zur Wahl des angenehmeren Ergebnisses.

Was dieser Vergleich nicht zeigt: Nextcloud hat für die Erstbefüllung den Ausweg occ files:scan mit gemessenen 953 Dateien/s. Wer Daten migriert, kopiert sie auf den Server und lässt einlesen — dann ist Nextcloud beim Umzug schneller als oCIS über WebDAV. Der oCIS-Vorteil wirkt im laufenden Betrieb, wo jede Datei ohnehin über das Protokoll kommt.

Balkendiagramm in Grün- und Cyantönen auf dunklem Hintergrund, umgeben von schwebenden Lichtpartikeln über einer hell reflektierenden Grundlinie

Spaces: das Konzept, das Nextcloud so nicht hat

Der auffälligste funktionale Unterschied heißt Spaces. Wir haben die API abgefragt:

$ curl … /graph/v1.0/me/drives
personal | Admin  | quota: 0
virtual  | Shares | quota: None

Bei Nextcloud gehört jede Datei einer Person. Ein Team-Ordner ist technisch der Ordner eines Nutzers, den dieser teilt. Verlässt die Person das Unternehmen, hängen die Daten an einem Konto, das eigentlich weg soll — ein Problem, das jeder Administrator kennt.

oCIS kennt daneben Spaces als eigene Container: Ein Projektbereich gehört dem Projekt, nicht Frau Müller. Mitglieder kommen und gehen, der Space bleibt. Für Organisationen ab einer gewissen Größe ist das kein Komfortmerkmal, sondern ein struktureller Vorteil — und im Bildungsbereich, wo mit jedem Schuljahr Nutzer wechseln, besonders relevant (siehe unser Artikel zu Nextcloud in der Schule).

Fairerweise: Nextcloud hat mit Gruppenordnern (Team Folders) eine Antwort darauf. Sie ist funktional näher dran, als der oCIS-Vertrieb zugibt — aber sie ist eine nachgerüstete App, während Spaces im Datenmodell verankert sind.

Fünf leuchtende, transparente Glaskabinen auf reflektierenden Podesten vor dunkelblauem Hintergrund, in jeder Kabine eine stilisierte menschliche Silhouette mit einem Dokument

Funktionsumfang: der klarste Punkt für Nextcloud

Bis hierher liest sich vieles zugunsten von oCIS. Beim Funktionsumfang kippt das Bild deutlich — und zwar nicht knapp.

Nextcloud Hub ist heute eine Bürosuite: Dateien, Kalender, Kontakte, Mail, Talk (Video), Deck (Kanban), Notes, Forms, Collectives, Office-Integration, Assistant mit lokalen KI-Modellen. Der App Store hat Hunderte Erweiterungen. Man kann Nextcloud als Ersatz für Microsoft 365 betreiben — das ist explizit das Ziel.

oCIS ist eine Dateiplattform. Sehr gut in Dateien, Freigaben, Suche, Spaces, angebunden an Collabora oder OnlyOffice für Dokumente. Kalender und Kontakte sind nicht Teil des Kerns; Videokonferenzen gibt es nicht als eigene Anwendung. Das ist kein Versäumnis, sondern eine Entscheidung — die Firma verkauft eine Plattform für Dateien, kein Intranet.

Die Konsequenz für die Auswahl ist unbequem einfach:

  • Wer eine Groupware sucht, bei der Kalender, Chat und Aufgaben mitkommen, hat bei oCIS nichts zu vergleichen. Dann ist es Nextcloud.
  • Wer schnelle, robuste Dateiablage für viele Nutzer sucht und Kalender ohnehin anderswo hat, bekommt bei oCIS weniger Software mit mehr Ruhe.

Der Umkehrschluss gilt übrigens auch: Der große Funktionsumfang von Nextcloud ist der Grund für die meisten Betriebsprobleme. Jede App ist Code, der beim Hauptversions-Upgrade mitmuss. Unsere Erfahrung beim Upgrade von 33 auf 34 steht im Nextcloud Test — die Apps waren der aufwendige Teil, nicht der Kern.

Migration: der Weg von ownCloud zu Nextcloud (und zurück)

ownCloud Classic → Nextcloud ist der am besten unterstützte Pfad, weil beide dieselbe Ahnenreihe haben. Nextcloud liefert dafür seit Jahren eine Anleitung und einen Migrationsschritt über das Upgrade-Verfahren. Wer von ownCloud 10 kommt, hat realistische Chancen auf einen Umzug ohne Datenverlust.

ownCloud Classic → oCIS ist trotz gleichen Herstellernamens der schwierigere Weg. Es sind verschiedene Programme mit unterschiedlichem Datenmodell; es gibt Werkzeuge, aber keinen In-Place-Upgrade-Knopf.

Nextcloud → oCIS läuft praktisch über die Clients oder über Kopierwerkzeuge, nicht über eine Datenbankmigration.

Für alle drei Wege gilt derselbe nüchterne Rat, den wir aus eigener Erfahrung geben: Testlauf mit einer Kopie, vorher Prüfsummen ziehen, hinterher Dateizahlen vergleichen. Und den Zeitbedarf nicht am Datenvolumen schätzen, sondern an der Anzahl der Dateien — die obigen Messungen zeigen, warum.

Wann welches System? Eine ehrliche Empfehlung

Nextcloud, wenn:

  • Kalender, Kontakte, Video oder Aufgaben mitkommen sollen
  • die Nutzerzahl überschaubar ist und Funktionsvielfalt zählt
  • eine große Community und viele Anleitungen wichtig sind
  • ein deutscher Anbieter ohne Konzernmutter gewünscht ist

ownCloud Infinite Scale, wenn:

  • es wirklich nur um Dateien geht, aber um viele
  • Teamstrukturen wichtiger sind als Personenordner (Spaces)
  • der Betrieb schlank sein soll: ein Prozess, kein Datenbankserver
  • viele kleine Dateien im Alltag anfallen (Faktor 4,8 in unserer Messung)
  • OpenID Connect ohnehin vorhanden ist

ownCloud Classic, wenn:

  • eine bestehende ownCloud-10-Installation läuft und stabil ist
  • Version 11.0.0 den Wartungsbedarf für die nächste Zeit abdeckt

In keinem Fall sollte ownCloud Classic die Wahl für eine Neuinstallation sein. Nicht weil es tot wäre — das ist es nachweislich nicht — sondern weil der Hersteller seine Zukunft erkennbar auf oCIS setzt. Eine Neuinstallation auf einer Codebasis zu beginnen, die beim eigenen Hersteller nicht mehr im Zentrum steht, ist ein vermeidbares Risiko.

Dunkle Szene mit leuchtendem Horizont, der links von warmem Gold nach rechts in kühles Blau übergeht; auf der blauen Seite steht ein transparenter, leuchtender Kristallobelisk

Was wir nicht gemessen haben

Damit klar ist, wie weit die Zahlen tragen:

  • Kein Langzeittest. oCIS lief Stunden, nicht Wochen. Über Stabilität im Dauerbetrieb sagen unsere Daten nichts.
  • Keine Desktop- oder Mobil-Clients. Wir haben über WebDAV gemessen — dasselbe Protokoll, aber nicht die Konfliktbehandlung der Clients.
  • Kein Nextcloud-Gegentest am selben Tag. Die Nextcloud-Zahlen stammen vom 20.08.2026 auf demselben Server mit derselben Methodik, aber nicht im selben Lauf.
  • Kein Mehrknoten-Betrieb. Das „Infinite” in Infinite Scale meint Verteilung über viele Maschinen. Wir haben einen Container getestet — die zentrale Werbeaussage ist damit ungeprüft.
  • Keine Last durch echte Nutzer. Ein curl-Prozess ist kein Kollegium mit 60 gleichzeitigen Zugriffen.

Häufige Fragen

Ist ownCloud tot?

Nein. Am 30.07.2026 erschien ownCloud Classic 11.0.0 mit 11 Sicherheitskorrekturen, und im Repository owncloud/core liegen in den 90 Tagen vor dem 18.09.2026 mindestens 100 Commits, der letzte vom 16.09.2026. Die Firma existiert als Open-Source-Sparte von Kiteworks. Richtig ist aber: Nextcloud ist das deutlich größere Projekt (36.837 gegenüber 8.833 Sternen), und ownClouds strategisches Produkt ist heute Infinite Scale, nicht Classic.

Was ist der Unterschied zwischen Nextcloud und ownCloud?

Nextcloud ist ein Fork von ownCloud aus dem Jahr 2016 und hat sich zur kompletten Bürosuite entwickelt: Dateien plus Kalender, Kontakte, Video, Aufgaben. ownCloud existiert in zwei Ausprägungen — Classic (PHP, wie Nextcloud aufgebaut) und Infinite Scale (vollständig neu in Go geschrieben, reine Dateiplattform mit Spaces). Der Vergleich „Nextcloud vs ownCloud” meint je nach Artikel eines von beiden, was die meisten Gegenüberstellungen unbrauchbar macht.

Ist oCIS schneller als Nextcloud?

Bei vielen kleinen Dateien ja, und deutlich. Wir haben mit identischer Methodik gemessen: 500 Dateien à 20 KB brauchten bei oCIS 8.2.0 28,3 Sekunden (17,7 Dateien/s), bei Nextcloud 33.0.8 133,6 Sekunden (3,7 Dateien/s) — Faktor 4,8. Für die Erstbefüllung hat Nextcloud allerdings occ files:scan mit 953 Dateien/s, was jeden WebDAV-Weg schlägt.

Braucht ownCloud Infinite Scale eine Datenbank?

Keinen separaten Datenbankserver — kein MySQL, kein PostgreSQL. Metadaten liegen im „Decomposed Filesystem” neben den Dateien. Vollständig datenbankfrei ist es aber nicht: Im Datenverzeichnis liegen vier eingebettete index.db-Dateien des internen NATS-Nachrichtensystems. Betrieblich ist der Vorteil real, die Formulierung „braucht keine Datenbank” trotzdem ungenau.

Wie viel RAM braucht oCIS?

In unserer Messung 255 MB im Leerlauf und 250 MB nach 1.200 hochgeladenen Dateien — der Verbrauch stieg unter Last also nicht. Das Docker-Image ist 323 MB groß, und im Container läuft genau ein Prozess, der 34 interne Dienste bündelt.

Kann man von ownCloud zu Nextcloud migrieren?

Ja, das ist der am besten unterstützte Weg, weil beide dieselbe PHP-Codebasis als Ursprung haben; Nextcloud dokumentiert das Verfahren. Deutlich aufwendiger ist ausgerechnet der Weg von ownCloud Classic zu ownCloud Infinite Scale — trotz gleichen Herstellernamens sind es verschiedene Programme mit unterschiedlichem Datenmodell und ohne In-Place-Upgrade.

Wem gehört ownCloud?

ownCloud gehört seit der Übernahme 2023/2024 zum US-Unternehmen Kiteworks mit Sitz in San Mateo, Kalifornien. Sichtbar ist das direkt in der offiziellen Dokumentation, die unter „Documentation for ownCloud (A Kiteworks Company)” firmiert. Nextcloud ist dagegen ein eigenständiges deutsches Unternehmen — für Entscheidungen, bei denen digitale Souveränität eine Rolle spielt, ist dieser Unterschied oft wichtiger als jede Feature-Liste.

Fazit

Nextcloud vs ownCloud ist 2026 keine Frage von Sieger und Verlierer, sondern von zwei unterschiedlichen Zielen.

Nextcloud hat den Wettbewerb um Funktionsumfang und Community klar gewonnen — viermal so viele Sterne, eine Suite statt einer Anwendung, eine unabhängige deutsche Firma dahinter.

ownCloud hat sich in eine andere Richtung entwickelt und ist dort technisch überzeugend: ein Prozess, 255 MB, zwei Sekunden Startzeit, Faktor 4,8 beim Upload vieler kleiner Dateien, Spaces als echtes Datenmodell.

Die Behauptung „ownCloud ist tot” ist widerlegt — durch ein Hauptrelease sieben Wochen vor diesem Artikel und durch hundert Commits im letzten Quartal. Die interessantere Frage ist nicht, ob ownCloud lebt, sondern wem es gehört und wessen Prioritäten die nächsten Jahre bestimmen.

Und der ehrlichste Satz zum Schluss ist der über unsere eigene Messung: Wir haben einen Container auf einem Server getestet. Die zentrale Werbeaussage von Infinite Scale — Skalierung über viele Maschinen — haben wir damit nicht überprüft. Was wir nicht gemessen haben, behaupten wir nicht.