Nextcloud in der Schule wird meistens als Glaubensfrage verhandelt: Big Tech gegen Open Source, Microsoft gegen Souveränität. Diese Ebene ist gut besetzt. Was fast nirgends steht: was genau man eigentlich bekommt, wenn ein Schulträger sich für Nextcloud entscheidet — und welche Teile davon man selbst dazubauen muss.
Also haben wir nachgesehen, statt zu beschreiben. Drei Messungen, alle am 14. August 2026 erhoben:
- Das Education-Bundle im Quellcode aufgemacht. Nextcloud liefert ein offizielles „Education bundle” aus. Es ist eine PHP-Klasse mit einer Liste. Die Liste lässt sich lesen — und sie ist kürzer und anders, als der Name vermuten lässt.
- Alle 740 Apps im offiziellen App Store auf Versionskompatibilität geprüft. Wie viele laufen tatsächlich auf der aktuellen stabilen Nextcloud-Version? Das Ergebnis ist der wichtigste Betriebsrisiko-Indikator für eine Schule — und er ist ernüchternd.
- Die Moodle-Anbindung nachgemessen. Sie wird in praktisch jedem Schul-Ratgeber empfohlen. Sie funktioniert auch — aber nicht über die App, die alle nennen.
Wo wir uns beim Messen selbst korrigieren mussten, steht das im Text. Das gehört zur Methode.
Nextcloud Schule: Was das Education-Bundle tatsächlich enthält
Nextcloud kennt sechs offizielle App-Bündel. Sie stehen im Server-Quellcode unter lib/private/App/AppStore/Bundles/. Das für Schulen relevante heißt EducationBundle.php, und sein gesamter Inhalt ist diese Liste:
| # | App-ID | Was sie tut |
|---|---|---|
| 1 | dashboard | Startseite mit Widgets |
| 2 | circles (heute: Teams) | Nutzergruppen, die Lehrkräfte selbst anlegen |
| 3 | groupfolders | Gruppenordner mit zentralen Rechten |
| 4 | announcementcenter | Ankündigungen an alle |
| 5 | quota_warning | Warnung bei vollem Speicher |
| 6 | user_saml | Single Sign-on per SAML |
| 7 | whiteboard | Digitales Whiteboard |
Das sind sieben Apps. Und jetzt die Liste dessen, was NICHT drin ist: kein Talk (Videokonferenz), kein Office (Collabora/OnlyOffice), kein Kalender, keine Moodle- oder LMS-Anbindung, keine Aufgabenverwaltung, kein Formular-Werkzeug, keine Klassenbuch-Funktion.
Das ist kein Vorwurf — das Bündel ist als Ergänzung gedacht, nicht als Komplettpaket. Aber es widerlegt eine Erwartung, die der Name „Education Edition” bei Schulträgern zuverlässig erzeugt: dass hier eine fertige Schullösung ausgeliefert wird. Wird sie nicht. Ausgeliefert werden sieben Bausteine, von denen zwei ohnehin im Server stecken.
Der Messfehler, der uns fast einen falschen Satz gekostet hätte
Beim ersten Durchlauf haben wir für jede Bundle-App das letzte Release im App Store abgefragt. Das Ergebnis sah alarmierend aus:
dashboard letztes Release 2018-12-10 max. NC 16
circles letztes Release 2021-11-19 max. NC 21
groupfolders letztes Release 2026-08-13 max. NC 34
Die naheliegende Schlagzeile — „zwei der sieben Education-Apps sind seit Jahren tot” — wäre falsch gewesen. Die Gegenprobe im Server-Repository zeigt: dashboard und circles stehen beide in core/shipped.json, der Liste der mitgelieferten Apps. Sie kommen mit dem Server, nicht aus dem Store. Ihre Store-Einträge sind Altlasten, die niemand gepflegt hat, weil sie niemand braucht.
circles ist sogar das Gegenteil von tot: Das Repository wurde am Tag unserer Messung aktualisiert, die App heißt inzwischen „Teams” und trägt intern Version 35. Der Store zeigt 2021.
🔑 Die Lehre, und sie gilt für jede Schul-IT-Recherche: Ein Store-Eintrag ist eine Aussage über den Store, nicht über die Software. Wer Nextcloud-Apps nach „letztes Update” bewertet, ohne zu prüfen, ob die App überhaupt aus dem Store kommt, produziert zuverlässig Fehlalarme — und übersieht dabei die echten.
Die Zahl, die über den Betrieb entscheidet: 53,9 %
Genau dieser Fehler führt aber zu der eigentlich wichtigen Frage. Eine Schule lebt nicht vom Bundle, sondern von Zusatz-Apps: Talk, Office, Formulare, Kalender, Aufgaben. Und Nextcloud-Apps müssen zur Serverversion passen — eine App, die die aktuelle Version nicht unterstützt, blockiert das Update des gesamten Servers.
Also haben wir den kompletten App Store heruntergeladen (apps.nextcloud.com/api/v1/apps.json, 31 MB, 740 Apps) und für jede App die höchste unterstützte Nextcloud-Hauptversion aus den stabilen Releases ermittelt. Vorabversionen (alpha, beta, rc) und Nightlies haben wir ausgeschlossen — sonst hätte die Statistik Apps als zukunftssicher gezählt, die nur ein Entwickler testweise hochgeladen hat.
Aktuelle stabile Serverversion am Messtag: 34.0.3, veröffentlicht am 13.08.2026.
| Unterstützte Version | Apps | Anteil |
|---|---|---|
| NC 34 (aktuell) | 367 | 53,9 % |
| maximal NC 33 | 74 | 10,9 % |
| maximal NC 30–32 | 80 | 11,7 % |
| unter NC 30 (faktisch tot) | 160 | 23,5 % |
Knapp die Hälfte des App Stores läuft nicht auf der aktuellen Version. Fast ein Viertel ist praktisch aufgegeben.
Für eine Schule ist das keine Statistik, sondern ein Terminproblem. Nextcloud pflegt jede Hauptversion laut Administrations-Handbuch ein Jahr ab Erscheinen. Danach gibt es keine Sicherheitsupdates mehr. Gleichzeitig gilt: Hauptversionen dürfen nicht übersprungen werden — der Upgrade-Pfad ist streng sequenziell (33.0.x → 34.0.x → 35.0.x).
Daraus folgt die Regel, die in jedem Schulkonzept stehen sollte und fast nirgends steht:
Jede installierte Zusatz-App ist eine jährlich fällige Verpflichtung. Hängt eine einzige unverzichtbare App hinterher, hängt die ganze Schule auf einer Version fest, die irgendwann keine Sicherheitsupdates mehr bekommt.
Die praktische Konsequenz: Vor der Installation prüfen, nicht danach. Eine App gehört nur dann auf einen Schulserver, wenn sie eine erkennbare Release-Historie hat. groupfolders etwa hat 252 stabile Releases und wurde am Messtag aktualisiert — das ist ein gutes Zeichen. Eine App mit einem einzigen Release aus dem letzten Jahr ist ein Risiko, egal wie nützlich sie aussieht.
Die Moodle-Anbindung: funktioniert — aber nicht so, wie alle schreiben
Fast jeder Ratgeber zu Nextcloud in der Schule nennt die Moodle-Integration. Wir haben sie uns angesehen.
Die App integration_moodle im Nextcloud App Store:
letztes Release: 1.0.2 vom 12.11.2021
Plattform-Spec: >=22 <=24
Releases gesamt: 4
Die aktuelle Nextcloud-Version ist 34. Diese App unterstützt maximal 24 — sie ist seit rund fünf Jahren stehen geblieben. Wer sie einplant, plant mit etwas, das es praktisch nicht mehr gibt.
Und trotzdem ist die Aussage „Nextcloud und Moodle lassen sich verbinden” richtig. Denn die funktionierende Integration liegt auf der anderen Seite: Moodle bringt in seinem Kern ein Repository-Plugin für Nextcloud mit. Wir haben im offiziellen Moodle-Repository nachgesehen — unter public/repository/ liegen 22 Plugins, darunter nextcloud. Der Versionsstempel:
$plugin->version = 2026042000; // April 2026
$plugin->requires = 2026041000;
$plugin->component = 'repository_nextcloud';
Aus dem Jahr 2026, gepflegt, Bestandteil von Moodle selbst. Ursprünglich entwickelt von einem Projektseminar der Universität Münster.
🔑 Das ist der praktisch wichtigste Fund dieses Artikels: Die Richtung der Integration ist entscheidend. Wer Moodle-Anbindung über den Nextcloud App Store sucht, findet eine Ruine und schließt daraus, es ginge nicht. Wer sie in Moodle sucht, findet ein gepflegtes Kernstück. Dieselbe Funktion, entgegengesetzte Diagnose — je nachdem, von welcher Seite man schaut.
Praktisch bedeutet das: Die Anbindung wird in Moodle konfiguriert (Website-Administration → Plugins → Repositories), authentifiziert per OAuth 2 gegen die Nextcloud, und danach können Lehrkräfte Dateien aus der Nextcloud direkt in Moodle-Kurse einbinden. Der Nextcloud-Server selbst braucht dafür keine Zusatz-App — nur einen eingerichteten OAuth-2-Client.
Nutzerverwaltung: der Teil, an dem Schulprojekte scheitern
Ein Gymnasium mit 900 Schülerinnen und Schülern hat jedes Jahr etwa 150 Zugänge neu anzulegen und 130 zu löschen. Wer das von Hand macht, hat den Betrieb verloren, bevor er begonnen hat. Nutzerverwaltung ist deshalb kein Nebenthema, sondern die Entscheidung.
Nextcloud bietet drei Wege, und sie unterscheiden sich in einem für Schulen sehr relevanten Punkt: Kommt die App aus dem Store oder aus dem Server?
| Weg | App | Herkunft | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| LDAP / Active Directory | user_ldap | im Server enthalten | Kann bei Updates nie fehlen |
| SAML (SSO) | user_saml | App Store (87 stabile Releases, NC 34 ✓) | Muss mit gepflegt werden |
| OpenID Connect | user_oidc | App Store (61 stabile Releases, NC 34 ✓) | Muss mit gepflegt werden |
Das ist ein handfestes Argument, das in Vergleichstabellen selten auftaucht: user_ldap ist Teil des Servers. Es kann nicht zum Upgrade-Blocker werden, weil es mit dem Server zusammen aktualisiert wird. user_saml und user_oidc sind Store-Apps — beide derzeit gut gepflegt, aber eben Teil der jährlichen Verpflichtung von oben.
Für Schulen mit einer bestehenden Verzeichnisstruktur (in Deutschland oft ein Windows-Server im Verwaltungsnetz oder eine Landeslösung) ist LDAP daher der robusteste Weg. Für Schulen, die an eine Landes-Identität angebunden werden sollen, führt der Weg über SAML oder OIDC — dann aber mit dem Wissen, dass diese Komponente beim jährlichen Upgrade mitgeprüft werden muss.
Praktische Faustregel: Gruppen so anlegen, dass sie den Schuljahreswechsel überleben. Eine Gruppe Klasse 7b muss jedes Jahr umgebaut werden. Eine Gruppe Abiturjahrgang 2032 wandert einfach mit — dieselben Menschen, derselbe Name, acht Jahre lang. Das klingt trivial und spart pro Jahr mehrere Arbeitstage.
Videokonferenz: die 20-Personen-Grenze, die niemand vorher nennt
Nextcloud Talk ist der Grund, warum viele Schulen überhaupt auf Nextcloud schauen: Videokonferenz ohne externen Anbieter, ohne Zoom, ohne Teams. Das funktioniert — mit einer Einschränkung, die in der offiziellen Dokumentation offen steht und in Beschaffungsentscheidungen trotzdem regelmäßig untergeht.
Talk arbeitet standardmäßig peer-to-peer: Jede Teilnehmerin sendet ihren Videostream an jede andere. Die eigene Doku rechnet das vor:
Benötigte Bandbreite = 1 Mbit/s × (Teilnehmer − 1)
Bei 5 Teilnehmern sind das 4 Mbit/s im Upload — pro Person. Bei 25 Teilnehmern wären es 24 Mbit/s Upload pro Kind. Das hat kein normaler Haushaltsanschluss, und kein Tablet dekodiert nebenbei 24 Videostreams.
Nextclouds eigene Einschätzung: „20 Nutzer sollten in einem typischen Setup möglich sein” — und zwar nur, wenn alle Teilnehmer ihr Video abschalten. Mit Video liegt die realistische Grenze bei 5 bis 10.
Eine Schulklasse hat 25 bis 30 Kinder. Die Standardinstallation von Nextcloud Talk trägt also keine einzige vollständige Klasse mit Bild.
Die Lösung heißt Talk High Performance Backend (HPB) — eine Selective Forwarding Unit, an die jede Person nur einen Stream sendet und die die Verteilung übernimmt. Damit sind laut Hersteller 30–50 aktive Teilnehmer möglich, plus hunderte passive Zuhörer für Vortragsformate.
Das HPB ist ein Partnerprodukt und Teil des kostenpflichtigen Enterprise-Angebots. Und damit ist die entscheidende Aussage für jeden Schulträger:
„Nextcloud ist kostenlos” und „Nextcloud kann Videokonferenz für eine Klasse” sind zwei Aussagen, die nicht gleichzeitig gelten.
Wer beides braucht, hat drei ehrliche Optionen: Enterprise-Subskription kaufen, ein separates BigBlueButton danebenstellen (die Store-App bbb unterstützt NC 34 und hat 12 stabile Releases), oder Videokonferenz bewusst aus dem Projekt herauslassen und die Landeslösung dafür nutzen.
Datenschutz: die Rechtslage hat sich 2025 verschoben — und viele Texte wissen es nicht
Der klassische Aufhänger für Nextcloud an Schulen lautet: „Microsoft 365 ist an Schulen datenschutzrechtlich nicht zulässig.” Diese Aussage stammt aus dem Beschluss der Datenschutzkonferenz (DSK) vom 24.11.2022, in dem die Aufsichtsbehörden feststellten, der Nachweis eines datenschutzkonformen Betriebs von Microsoft 365 könne nicht geführt werden.
Wer heute so argumentiert, argumentiert mit einem Stand, der überholt ist.
Im November 2025 hat der Hessische Beauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit (HBDI) nach Verhandlungen mit Microsoft, die von Juli 2024 bis November 2025 liefen, einen Abschlussbericht vorgelegt. Sein Ergebnis: Ein datenschutzkonformer Einsatz von Microsoft 365 ist möglich, wenn Verantwortliche bestimmte Handlungsempfehlungen einhalten — darunter der Abschluss eines eigens ausgehandelten Auftragsverarbeitungsvertrags für öffentliche Stellen (DPA-öS). Als Gründe nennt der HBDI unter anderem das EU-US Data Privacy Framework, die EU Data Boundary (nahezu alle personenbezogenen Daten werden im EWR verarbeitet) und ein weiterentwickeltes Datenschutzkonzept.
Der Bericht ist kontrovers und gilt formal für Hessen; andere Aufsichtsbehörden bewerten weiter eigenständig. Aber die einfache Formel „ist verboten” trägt nicht mehr.
🔑 Warum wir das in einem Nextcloud-Artikel so deutlich schreiben: Ein Argument, das auf einer veralteten Rechtslage steht, hält im Schulausschuss nicht. Wer mit dem DSK-Beschluss von 2022 in eine Sitzung geht und mit dem HBDI-Bericht von 2025 konfrontiert wird, verliert die Debatte — und zwar auch dann, wenn Nextcloud die sachlich bessere Wahl gewesen wäre. Eine Empfehlung altert still; sie wirft keine Fehlermeldung, wenn die Grundlage darunter wegbricht.
Das tragfähige Argument für Nextcloud ist ein anderes und wird durch nichts davon berührt: Bei Nextcloud stellt sich die Frage nach Drittlandtransfer, Auftragsverarbeitung und Vertragsanhängen gar nicht erst, wenn der Server in der eigenen Verwaltung oder bei einem deutschen Dienstleister steht. Es gibt keinen Anbieter, dessen Verhalten man vertraglich absichern müsste. Das ist kein juristischer Sieg über Microsoft — es ist die strukturell einfachere Ausgangslage. Datensparsamkeit durch Architektur statt durch Vertragswerk.
Wer tiefer in die technische Seite von Datenschutz und Absicherung einsteigen will: Wir haben in IT-Sicherheitslücken aufgeschrieben, wie Angriffe auf selbst betriebene Systeme real ablaufen — inklusive eines eigenen Vorfalls, bei dem ein Server fünf Tage lang gekapert war, ohne dass es jemand bemerkte.
Was Nextcloud an einer Schule kostet — realistisch gerechnet
Die Lizenz ist kostenlos. Das ist der Anfang der Rechnung, nicht das Ergebnis.
Variante A: Selbst betrieben, Community-Version
| Posten | Realistischer Ansatz (Schule mit ~800 Nutzern) |
|---|---|
| Server (dedizierter Root/VM, 8 Kerne, 32 GB RAM) | 50–90 € / Monat |
| Speicher (2 TB, wachsend) | 20–40 € / Monat |
| Backup (getrennter Standort, Pflicht) | 15–30 € / Monat |
| Nextcloud-Lizenz | 0 € |
| Betreuung: 2–4 Std./Woche | der eigentliche Posten |
Die ersten vier Zeilen summieren sich auf grob 1.000–1.900 € im Jahr. Die fünfte Zeile ist die, an der Projekte scheitern. Zwei bis vier Stunden pro Woche sind bei einer nach TVöD bezahlten IT-Kraft 4.000–9.000 € im Jahr. Wird die Arbeit stattdessen von einer Lehrkraft mit Abminderungsstunden gemacht, kostet sie Unterricht.
Was in diesen Stunden tatsächlich passiert: Maintenance-Updates einspielen, einmal jährlich das Hauptversions-Upgrade mit vorheriger App-Prüfung, Backups verifizieren (nicht nur laufen lassen), Passwort-Zurücksetzungen, Speicherplatz nachschieben, zum Schuljahreswechsel Gruppen umbauen.
Variante B: Managed Hosting bei einem Dienstleister
Ein spezialisierter Anbieter übernimmt Installation, Updates und Backup. Kosten liegen typischerweise im Bereich einiger hundert bis gut tausend Euro im Jahr, abhängig von Nutzerzahl und Speicher. Der große Vorteil für Schulen ist nicht der Preis, sondern die Vertretbarkeit: Es gibt jemanden, der zuständig ist, wenn die Person, die alles wusste, die Schule verlässt.
Variante C: Nextcloud Enterprise
Die offizielle Preisliste nennt für Standard 71,29 € pro Nutzer und Jahr ab 100 Nutzern, Premium 104,99 €, Ultimate 204,75 €.
Diese Listenpreise auf 800 Schülerinnen zu multiplizieren ergibt eine unbrauchbare Zahl (57.000 €) — Nextcloud verhandelt für Bildungseinrichtungen gesondert und weist auf der Education-Seite ausdrücklich auf Angebotserstellung hin. Die Listenpreise sind hier deshalb keine Kalkulationsgrundlage, sondern nur ein Hinweis auf die Größenordnung des kommerziellen Angebots.
Entscheidend ist, was Enterprise wirklich hinzufügt, denn nur zwei Punkte davon sind für Schulen oft ausschlaggebend:
- Wartungszeitraum bis zu 5 Jahre statt einem Jahr in der Community-Version. Das entschärft genau das Upgrade-Problem aus dem Kapitel oben.
- Zugang zum Talk High Performance Backend — die Voraussetzung für Videokonferenzen in Klassenstärke.
- Skalierung: Die Community-Version wird von Nextcloud selbst mit ~500 Nutzern angegeben, Enterprise mit deutlich mehr.
Der letzte Punkt ist für größere Schulen ein handfestes Kriterium: Eine Gesamtschule mit 1.200 Nutzern liegt oberhalb dessen, wofür die Community-Version vom Hersteller vorgesehen ist.
Und der ehrliche Vergleichspunkt
Microsoft stellt Microsoft 365 Education A1 kostenlos für berechtigte Bildungseinrichtungen bereit, Google Workspace for Education hat eine kostenlose Grundstufe. Der Kostenvergleich fällt also nicht automatisch zugunsten von Nextcloud aus — beim reinen Lizenzpreis kann er sogar dagegen ausfallen, weil dort keine Serverkosten und keine Administrationsstunden anfallen.
Wer für Nextcloud argumentiert, sollte deshalb nicht mit dem Preis argumentieren, sondern mit Kontrolle, Datenhoheit, Werbefreiheit und der Unabhängigkeit von Produktentscheidungen eines Konzerns. Das sind die Argumente, die tragen. „Ist billiger” ist bei ehrlicher Vollkostenrechnung oft nicht wahr.
Die vierte Option, die viele Schulen übersehen: die Landeslösung
Bevor eine einzelne Schule anfängt, selbst zu betreiben, lohnt eine Frage: Gibt es das im eigenen Bundesland schon?
Mehrere Länder betreiben zentrale Bildungsclouds. Brandenburg, Niedersachsen und Thüringen haben sich im Schulcloud-Verbund zusammengeschlossen und entwickeln ihre Lösungen auf Grundlage eines Verwaltungsabkommens gemeinsam weiter. Die Niedersächsische Bildungscloud wird im Auftrag des Kultusministeriums durch das NLQ betrieben und erreicht Größenordnungen, die eine einzelne Schule niemals selbst stemmen kann.
Diese Angebote sind für die Schulen in der Regel kostenfrei, datenschutzrechtlich vorgeprüft und werden professionell administriert. Die ehrliche Empfehlung lautet deshalb: Erst prüfen, was das Land bereitstellt. Eine eigene Nextcloud lohnt vor allem dort, wo die Landeslösung fehlt, funktional zu eng ist oder wo es um Dinge geht, die man bewusst nicht zentral ablegen möchte.
Ein zweiter, in der Praxis sehr tragfähiger Weg: Nextcloud als Ergänzung statt als Ersatz. Die Landeslösung für das Pädagogische, eine kleine eigene Nextcloud für Kollegium und Verwaltung — Protokolle, Vertretungspläne, Konferenzunterlagen, Material der Fachschaften. Dieses Szenario hat 40 bis 100 Nutzer statt 900, liegt damit weit innerhalb der Community-Grenzen, braucht kein HPB, und der Betreuungsaufwand fällt auf einen Bruchteil.
Eine realistische Einführungsreihenfolge
Aus den Messungen oben ergibt sich eine Reihenfolge, die Risiko klein hält:
Phase 1 — Fundament (vor dem ersten Nutzer). Serverentscheidung treffen und Betriebssystem festlegen; für den langfristig ruhigen Betrieb ist Stabilität wichtiger als Aktualität (siehe unser Vergleich Debian vs. Ubuntu). Backup einrichten und eine Rücksicherung testen — ein Backup, das nie zurückgespielt wurde, ist eine Behauptung. Reverse Proxy und TLS sauber aufsetzen (Nginx als Reverse Proxy).
Phase 2 — Identität. Nutzerverwaltung anbinden, bevor Inhalte entstehen. Gruppen jahrgangsbasiert schneiden, nicht klassenbasiert. Diese Entscheidung ist später nur schmerzhaft zu korrigieren.
Phase 3 — Kern statt Vollausbau. Dateien, Gruppenordner, Kalender. Bewusst wenige Apps. Jede zusätzliche App ist eine jährliche Verpflichtung — die 53,9-%-Zahl von oben ist der Grund.
Phase 4 — Pilot mit einem Jahrgang. Nicht die ganze Schule. Ein Jahrgang, ein Schulhalbjahr, echte Rückmeldungen.
Phase 5 — Erst danach Kommunikation und Videokonferenz. Und hier ehrlich entscheiden: Talk in Klassenstärke braucht HPB, also Enterprise — oder BigBlueButton daneben, oder gar nicht.
Phase 6 — Vertretung sicherstellen. Zwei Personen müssen den Betrieb können. Das ist kein Nice-to-have: Die häufigste Todesursache einer Schul-Nextcloud ist nicht ein Angriff, sondern der Wechsel der einen Lehrkraft, die alles wusste.
Nextcloud in der Schule: Wann es passt — und wann nicht
Passt gut, wenn:
- Ein Land keine brauchbare Lösung bereitstellt oder diese funktional zu eng ist.
- Der Bedarf beim Kollegium und in der Verwaltung liegt (40–150 Nutzer) — dort ist Nextcloud fast unschlagbar.
- Vorhandene IT-Kompetenz da ist und mindestens zwei Personen sie tragen.
- Datenhoheit ein erklärtes Ziel der Schulleitung ist, nicht nur der IT.
- Bereits ein Verzeichnisdienst existiert, an den man per LDAP andocken kann.
Passt schlecht, wenn:
- Videokonferenz in Klassenstärke ein Kernanforderung ist und kein Budget für Enterprise oder BigBlueButton besteht.
- Nur eine Person zuständig wäre. Dann ist die Lösung ein Managed-Anbieter, nicht Self-Hosting.
- Der Hauptgrund „ist kostenlos” lautet. Bei ehrlicher Vollkostenrechnung stimmt das gegen A1/Education-Gratistarife oft nicht.
- Die Nutzerzahl deutlich über 500 liegt und Community-Version geplant ist — das ist oberhalb dessen, was der Hersteller dafür vorsieht.
- Ein vollständiges LMS gesucht wird. Nextcloud ist kein Lernmanagementsystem. Dafür ist Moodle da — und die beiden ergänzen sich gut, siehe oben.
Häufige Fragen
Was ist die Nextcloud Education Edition genau?
Kein eigenes Produkt, sondern ein Bündel von sieben Apps, das im Nextcloud-Server als PHP-Klasse EducationBundle definiert ist: dashboard, circles (Teams), groupfolders, announcementcenter, quota_warning, user_saml und whiteboard. Talk, Office, Kalender oder eine LMS-Anbindung sind nicht enthalten. Zwei der sieben Apps werden ohnehin mit dem Server ausgeliefert.
Ist Nextcloud für Schulen wirklich kostenlos?
Die Software ja, der Betrieb nein. Server, Speicher und Backup liegen bei etwa 1.000–1.900 € im Jahr für eine mittelgroße Schule. Der größere Posten ist Arbeitszeit: 2–4 Stunden pro Woche. Zwei Funktionen, die Schulen oft für selbstverständlich halten, gehören zum kostenpflichtigen Enterprise-Angebot — der Wartungszeitraum von bis zu fünf Jahren und das Talk High Performance Backend für große Videokonferenzen.
Wie viele Teilnehmer schafft eine Videokonferenz mit Nextcloud Talk?
Ohne Zusatzkomponente laut Nextclouds eigener Dokumentation etwa 20 Personen — und nur, wenn alle die Kamera ausschalten. Mit Video sind 5–10 realistisch, weil die Bandbreite mit 1 Mbit/s × (Teilnehmer − 1) pro Person wächst. Eine vollständige Klasse mit Bild braucht das Talk High Performance Backend (30–50 aktive Teilnehmer), das Teil des kommerziellen Angebots ist. Alternative: BigBlueButton daneben betreiben.
Lässt sich Nextcloud mit Moodle verbinden?
Ja — aber von der Moodle-Seite aus. Die Nextcloud-App integration_moodle ist bei Version 1.0.2 von 2021 stehen geblieben und unterstützt maximal Nextcloud 24 (aktuell ist 34). Moodle dagegen bringt in seinem Kern das gepflegte Plugin repository_nextcloud mit, Versionsstand April 2026. Eingerichtet wird die Verbindung in Moodle unter Plugins → Repositories, authentifiziert per OAuth 2 gegen die Nextcloud.
Wie viele Nutzer verträgt eine Nextcloud-Installation?
Nextcloud selbst gibt für die Community-Version etwa 500 Nutzer an; Enterprise-Installationen skalieren deutlich darüber hinaus. Eine große Schule mit über 1.000 Konten liegt damit oberhalb dessen, wofür die kostenlose Variante vorgesehen ist. Für Kollegium und Verwaltung (40–150 Nutzer) ist die Community-Version dagegen völlig ausreichend.
Ist Microsoft 365 an Schulen verboten?
Nicht pauschal, und die verbreitete Aussage ist veraltet. Der Beschluss der Datenschutzkonferenz vom 24.11.2022 stellte fest, ein datenschutzkonformer Betrieb sei nicht nachweisbar. Der Hessische Datenschutzbeauftragte kam nach Verhandlungen mit Microsoft im November 2025 jedoch zu dem Ergebnis, ein konformer Einsatz sei bei Einhaltung bestimmter Handlungsempfehlungen möglich — unter anderem wegen EU Data Boundary und eines neu ausgehandelten Auftragsverarbeitungsvertrags für öffentliche Stellen. Die Bewertung ist umstritten und formal auf Hessen bezogen; andere Aufsichtsbehörden entscheiden eigenständig.
Wie oft muss eine Schul-Nextcloud aktualisiert werden?
Jede Hauptversion wird ein Jahr ab Erscheinen gepflegt, danach gibt es keine Sicherheitsupdates mehr. Hauptversionen dürfen nicht übersprungen werden — der Weg führt sequenziell über jede Version. Praktisch heißt das: mindestens ein geplantes Hauptversions-Upgrade pro Jahr, plus laufende Maintenance-Updates. Vor jedem Upgrade muss geprüft werden, ob alle installierten Apps die Zielversion unterstützen.
Welche Apps sollte eine Schule installieren?
So wenige wie möglich, und nur solche mit erkennbarer Release-Historie. Unsere Messung vom 14.08.2026: Von 681 Apps mit stabilen Releases unterstützen nur 53,9 % die aktuelle Version 34, während 23,5 % nicht einmal Nextcloud 30 erreichen. Jede installierte App kann das jährliche Server-Upgrade blockieren. Gute Kandidaten erkennt man an vielen Releases über lange Zeit — groupfolders etwa hat 252 stabile Releases.
Fazit
Nextcloud ist eine gute Wahl für Schulen — aber aus anderen Gründen, als meistens genannt werden, und mit anderen Grenzen, als der Name „Education Edition” nahelegt.
Was wir gemessen haben:
- Das Education-Bundle sind sieben Apps, davon zwei ohnehin im Server. Kein Talk, kein Office, kein LMS. Es ist eine Ergänzung, kein Komplettpaket.
- 53,9 % des App Stores unterstützen die aktuelle Version, 23,5 % sind faktisch aufgegeben. Bei einem Jahr Wartung pro Hauptversion und ohne Möglichkeit, Versionen zu überspringen, ist jede installierte App eine jährliche Verpflichtung.
- Die Moodle-Anbindung funktioniert — von der Moodle-Seite. Die Nextcloud-App dafür ist seit 2021 tot, das Moodle-Kernplugin ist aktuell. Wer nur in eine Richtung schaut, kommt zur falschen Diagnose.
- Talk trägt ohne HPB keine Schulklasse, und HPB ist kommerziell. Das ist die wichtigste Einzelinformation für jede Beschaffungsentscheidung.
- Das Datenschutz-Argument von 2022 ist überholt. Wer damit in eine Sitzung geht, verliert sie möglicherweise gegen einen Bericht von 2025.
Und die Empfehlung, die aus alldem folgt: Die meisten Schulen sollten nicht mit einer schulweiten Nextcloud anfangen. Sie sollten prüfen, was das Land bereitstellt, und Nextcloud dort einsetzen, wo sie unschlagbar ist — als eigene, überschaubare Plattform für Kollegium und Verwaltung, mit LDAP-Anbindung, wenigen Apps, getestetem Backup und zwei Menschen, die sie betreuen können.
Das ist weniger spektakulär als „wir ersetzen Microsoft”. Es funktioniert dafür noch, wenn die Kollegin, die alles eingerichtet hat, längst an einer anderen Schule ist.
