Ubuntu vs Mint ist die meistgestellte Frage von Menschen, die gerade von Windows kommen. Und sie wird fast immer mit Geschmacksurteilen beantwortet: „Mint fühlt sich vertrauter an”, „Ubuntu ist moderner”, „Mint ist schlanker”. Das sind Behauptungen. Wir wollten Zahlen.
Für diesen Vergleich haben wir nicht nacherzählt, was andere schreiben. Wir haben die Paketarchive beider Distributionen heruntergeladen und ausgezählt, die Snap-Blockade von Linux Mint im ausgelieferten Paket nachgelesen statt sie zu zitieren, beide Desktop-Umgebungen in einem Container auflösen lassen und ihren Platzbedarf gemessen, und den automatischen Update-Mechanismus von Mint im Quellcode angesehen.
Das Ergebnis hat unsere Erwartung an zwei Stellen widerlegt. Die verbreitete Aussage „Mint ist die schlanke Alternative” stimmt — aber viel schwächer als gedacht, und aus einem anderen Grund als üblicherweise behauptet. Und die eigentliche Trennlinie zwischen Ubuntu und Mint ist nicht der Desktop, sondern eine einzige Textdatei mit fünf Zeilen.
Wer den Server-Blickwinkel sucht, ist hier falsch: Dieser Artikel behandelt Ubuntu vs Mint als Desktop-System. Für Server haben wir Debian vs Ubuntu und Linux Server einrichten geschrieben.
Die Kurzfassung für Eilige
| Frage | Ubuntu | Linux Mint |
|---|---|---|
| Aktuelle Version (August 2026) | 26.04 LTS „Resolute Raccoon” | 22.3 „Zena” |
| Unterbau | eigenständig (aus Debian) | Ubuntu 24.04 LTS |
| Standard-Desktop | GNOME 50 | Cinnamon 6.6 |
| Support bis | 2031 (Pro: 2036) | 2029 |
| Snap | vorinstalliert, Firefox ist Snap | per APT-Pinning blockiert |
| Download-Größe Desktop | 799 MB | 500 MB |
| ISO | 6,07 GB | 2,88 GB |
| Kernpakete aus eigener Hand | ~75.300 | 559 |
Die letzte Zeile ist die wichtigste und wird gleich erklärt.
Der Stammbaum: Mint ist eine dünne Schicht auf Ubuntu
Bevor irgendein Vergleich Sinn ergibt, muss eine Sache klar sein: Linux Mint ist kein eigenständiges Betriebssystem. Es ist Ubuntu mit einer Schicht obendrauf. Das ist keine Wertung, das steht wörtlich in Mints eigenem Paket.
Wir haben das Paket ubuntu-system-adjustments aus dem Mint-Archiv heruntergeladen und entpackt. Darin liegt die Datei /etc/upstream-release/lsb-release:
DISTRIB_ID=Ubuntu
DISTRIB_RELEASE=24.04
DISTRIB_CODENAME=noble
DISTRIB_DESCRIPTION="Ubuntu Noble Numbat"
Linux Mint 22.3 „Zena”, erschienen im Januar 2026, ist ein Ubuntu 24.04 LTS von April 2024. Mint sagt das selbst, in einer Datei, die auf jedem installierten System liegt.

Wie dünn die Schicht wirklich ist — ausgezählt
Wir haben die Paketlisten (Packages.xz, amd64) beider Projekte geladen und die Pakete gezählt:
| Quelle | Pakete |
|---|---|
| Ubuntu 24.04 „noble” (Mints Basis, alle Komponenten) | 72.499 |
| Ubuntu 26.04 „resolute” (alle Komponenten) | 75.317 |
| Linux Mint 22.3 eigenes Archiv (main, upstream, import, backport) | 559 |
Das ist das Verhältnis: 559 zu 72.499. Rund 0,77 Prozent dessen, was auf einem Mint-System liegt, kommt aus Mints eigenem Archiv. Alles andere — Kernel, glibc, systemd, Grafiktreiber, Compiler, Python, jedes Serverpaket — ist unverändertes Ubuntu.
Und selbst diese 559 sind geschönt: Ein großer Teil davon sind Sprachpakete. Von den 559 Einträgen entfallen allein rund 160 auf firefox-locale-* und thunderbird-locale-*. Die eigentliche Eigenleistung sind Cinnamon, die X-Apps (xed, xviewer, xreader), die Mint-Werkzeuge (mintupdate, mintinstall, timeshift, warpinator) und das Artwork.
Was daraus folgt — und was nicht. Es folgt nicht, dass Mint schlecht sei; eine kleine, fokussierte Schicht ist eine völlig legitime Bauweise, und die Dinge, die Mint pflegt, pflegt es gut. Es folgt aber sehr wohl: Jede Sicherheitslücke im Unterbau ist Ubuntus Sache, nicht Mints. Und jede Verzögerung bei Ubuntu ist automatisch eine Verzögerung bei Mint.
Der Preis der dünnen Schicht: zwei Jahre Rückstand
Das ist der Punkt, an dem der Stammbaum praktisch wird. Mint 22.3 kam im Januar 2026 heraus — auf Basis vom April 2024. Ein Vergleich zentraler Pakete, direkt aus den Archiven:
| Paket | Mints Basis (Ubuntu 24.04) | Ubuntu 26.04 |
|---|---|---|
| Kernel | 6.8 | 7.0 |
| Mesa (Grafiktreiber) | 24.0.5 | 26.0.3 |
| systemd | 255.4 | 259.5 |
| glibc | 2.39 | 2.43 |
| Python | 3.12.3 | 3.14.3 |
| GCC | 13.2 | 15.2 |
| LibreOffice | 24.2.2 | 26.2.2 |
| GIMP | 2.10.36 | 3.2.2 |
| Docker | 24.0.7 | 29.1.3 |
| Node.js | 18.19 | 22.22 |
| PipeWire | 1.0.5 | 1.6.2 |
| Blender | 4.0.2 | 5.0.1 |
Packages.xz je Komponente (main, restricted, universe, multiverse) für amd64 direkt von archive.ubuntu.com geladen und die Versionsfelder ausgelesen, August 2026.
Zwei Dinge daran sind wichtiger, als sie aussehen.
Erstens der Kernel und Mesa. Das sind die Pakete, die entscheiden, ob dein WLAN-Chip, dein Fingerabdrucksensor oder deine Grafikkarte funktioniert. Kernel 6.8 gegen 7.0 und Mesa 24 gegen 26 ist bei neuer Hardware der Unterschied zwischen „läuft” und „läuft nicht”. Wer einen Laptop von 2026 kauft, hat mit Mint 22.3 messbar schlechtere Karten. Wer einen Rechner von 2019 wiederbelebt, merkt davon exakt nichts.
Zweitens GIMP. 2.10 gegen 3.2 ist keine Versionsnummer, das ist eine andere Anwendung. Hier hilft allerdings Flatpak, dazu später mehr.
Fairnesshalber die Gegenrichtung: Mint liefert bei genau den Programmen, die täglich benutzt werden, oft neuer als seine eigene Basis. Firefox ist bei Mint 154.0, Thunderbird 153.1.0esr — beide aus Mints eigenem Archiv, beide aktuell. Cinnamon ist 6.6.9, während in Ubuntu 26.04 nur 6.4.13 liegt. Mint hält also das nach, was der Nutzer sieht, und lässt den Unterbau altern.
Die Snap-Frage: Mint blockiert, und zwar hart
Das ist die Trennlinie, um die es eigentlich geht. Und sie ist wunderbar konkret nachweisbar.

Was Ubuntu macht
Wir haben nachgesehen, was Ubuntu beim Installieren des Desktops tatsächlich mitzieht. In einem Ubuntu-24.04-Container haben wir ubuntu-desktop auflösen lassen und die Paketliste gefiltert:
=== Zieht ubuntu-desktop snapd? ===
snapd
firefox
thunderbird
Und dann haben wir uns angesehen, was das firefox-Paket in Ubuntu überhaupt ist:
Package: firefox
Version: 1:1snap1-0ubuntu8
Installed-Size: 121
Pre-Depends: debconf, snapd (>= 2.54)
Size: 76434
76 Kilobyte. Das firefox-Paket in Ubuntu ist kein Browser. Es ist ein 76-KB-Platzhalter, dessen einzige Aufgabe es ist, snapd zu verlangen und dann das Snap zu installieren. Die Versionsnummer 1:1snap1 sagt es sogar im Namen.
Zum Vergleich dasselbe Paket bei Mint:
Package: firefox
Version: 154.0+linuxmint1+zena
Installed-Size: 321771
Maintainer: Clement Lefebvre <root@linuxmint.com>
321 MB. Das ist ein echter Browser als echtes .deb-Paket, gebaut von Mints Projektleiter persönlich.
Was Mint macht
Mint installiert nicht einfach „kein Snap”. Mint macht die Installation von snapd über APT unmöglich. Die Datei /etc/apt/preferences.d/nosnap.pref aus dem Paket ubuntu-system-adjustments, wörtlich:
# To prevent repository packages from triggering the installation of Snap,
# this file forbids snapd from being installed by APT.
# For more information: https://linuxmint-user-guide.readthedocs.io/en/latest/snap.html
Package: snapd
Pin: release a=*
Pin-Priority: -10
Eine negative Pin-Priorität bedeutet in APT: niemals installieren, unter keinen Umständen, egal welche Quelle es anbietet. Das ist keine Voreinstellung, die man versehentlich umgeht — das ist eine Sperre.
Das ist die ehrlichste Beschreibung des Unterschieds, die es gibt: Nicht „Mint mag Snap nicht”, sondern Mint verhindert es technisch, und du musst diese Datei aktiv löschen, wenn du es doch willst. (Das geht, und es ist dokumentiert. Aber es ist eine bewusste Handlung.)
Warum das über Geschmack hinausgeht
Die Snap-Debatte wird meist emotional geführt. Die sachlichen Punkte, die bleiben:
- Der Store ist proprietär. Das Snap-Format ist offen, aber die Gegenstelle (der Snap Store) wird ausschließlich von Canonical betrieben. Es gibt keine unabhängige Alternative. Bei Flatpak gibt es mit Flathub zwar auch einen dominanten Anbieter, aber das Protokoll erlaubt beliebige Fremd-Repositories.
apt install firefoxtut nicht, was dagestanden hat. Man tippt einen APT-Befehl und bekommt ein Snap. Das ist der Punkt, an dem viele aussteigen — weniger wegen Snap selbst, mehr wegen der stillen Umleitung.- Snaps starten langsamer, besonders beim ersten Start nach dem Booten, weil das Squashfs-Image eingebunden und der Sandbox-Kontext aufgebaut werden muss.
- Es betrifft nicht nur den Desktop. In unserer Prüfung der Rückabhängigkeiten taucht
ubuntu-serverundubuntu-server-minimalin der Liste derer auf, die vonsnapdabhängen. Snap ist bei Ubuntu keine Desktop-Eigenheit, sondern Teil der Grundausstattung.
Die faire Gegenseite: Snap kann Dinge, die .deb nicht kann — automatische Aktualisierung im Hintergrund, mehrere Versionen parallel, saubere Sandbox. Für Firefox ist das sicherheitstechnisch ein Argument: Ein Browser mit Zero-Day bekommt sein Update, ohne dass jemand etwas tun muss. Wer Snap ablehnt, tauscht diese Bequemlichkeit gegen Kontrolle. Beides ist vertretbar.
Und der wichtigste Punkt für Einsteiger: Mint blockiert Snap, aber Flatpak ist bei Mint vorinstalliert und in der Softwareverwaltung integriert. Der Nutzer verliert also nichts an Auswahl. Er bekommt dieselben sandboxed Anwendungen — nur über Flathub statt über den Snap Store. Genau deshalb ist das GIMP-Problem oben halb so wild: GIMP 3 gibt es auf Flathub, auch für Mint.
Der Desktop: Cinnamon gegen GNOME
Hier liegt der sichtbare Unterschied — und der Grund, warum Umsteiger von Windows fast immer bei Mint landen.

Cinnamon: das vertraute Modell
Cinnamon macht das, was Windows seit 1995 macht: Leiste unten, Startknopf links, Fenster mit Minimieren/Maximieren/Schließen rechts oben, Systemabschnitt rechts unten. Wer von Windows kommt, muss nichts umlernen. Das ist der gesamte Trick, und er funktioniert.
Cinnamon ist außerdem stark anpassbar: Panel verschieben, Applets hinzufügen, Themes wechseln, Desklets — alles ohne Erweiterungen zu installieren, direkt in den Systemeinstellungen.
GNOME: das eigene Modell
GNOME macht bewusst etwas anderes. Kein permanentes Startmenü, sondern eine Übersichtsansicht (Super-Taste), Fokus auf virtuelle Arbeitsflächen, ein Dock an der Seite, wenige sichtbare Bedienelemente. Wer sich darauf einlässt, arbeitet oft schneller — vor allem tastaturgetrieben. Wer es nicht will, kämpft dagegen an.
GNOME ist ab Werk weniger anpassbar. Vieles geht nur über Erweiterungen, und Erweiterungen sind die häufigste Bruchstelle bei GNOME-Hauptversionssprüngen: Nach einem Upgrade sind sie regelmäßig inkompatibel, bis die Autoren nachziehen.
Ist Cinnamon wirklich schlanker? Gemessen
Das ist die Behauptung, die man überall liest. Wir haben sie gemessen — in einem Ubuntu-24.04-Container mit eingebundenem Mint-Archiv, indem wir APT die vollständige Abhängigkeitskette auflösen ließen:
| Desktop-Paket | Pakete | Download | Installiert |
|---|---|---|---|
xfce4 (Mint XFCE) | 963 | 389 MB | 1.593 MB |
mate-desktop-environment (Mint MATE) | 797 | 477 MB | 2.292 MB |
cinnamon-desktop-environment (Mint Standard) | 966 | 500 MB | 2.453 MB |
ubuntu-desktop-minimal | 1.264 | 662 MB | 2.395 MB |
ubuntu-desktop | 1.407 | 799 MB | 2.868 MB |
apt-get install --print-uris für die Download-Summe und Installed-Size aus den Paket-Metadaten für den Platzbedarf. Kein tatsächlich installiertes System, sondern die aufgelöste Abhängigkeitskette — die Zahlen sind deshalb vergleichbar untereinander, aber nicht identisch mit einer fertigen Installation.
Cinnamon ist schlanker als Ubuntu-Desktop: 500 MB gegen 799 MB Download, das sind 37 Prozent weniger. Die Behauptung stimmt also.
Aber jetzt die Einordnung, die meist fehlt:
Erstens: Cinnamon ist kaum schlanker als GNOME-minimal. Gegen ubuntu-desktop-minimal (662 MB) schrumpft der Vorsprung auf 24 Prozent. Ein großer Teil des Unterschieds zwischen Mint und Ubuntu ist gar nicht der Desktop, sondern die mitgelieferten Zusatzprogramme von Ubuntu.
Zweitens, und das hat uns überrascht: XFCE hat fast genauso viele Pakete wie Cinnamon (963 vs. 966) und ist trotzdem deutlich kleiner (389 MB vs. 500 MB, installiert 1,6 GB vs. 2,5 GB). Die Paketanzahl sagt über das Gewicht praktisch nichts aus. Hätten wir nur gezählt statt gewogen, wäre die naheliegende Schlagzeile — „Cinnamon und XFCE sind gleich schwer” — grob falsch gewesen. Wer wirklich einen schlanken Desktop sucht, nimmt die XFCE-Ausgabe von Mint, nicht Cinnamon.
Drittens: RAM ist etwas anderes als Plattenplatz. Wir haben hier Downloadgröße und Installationsgröße gemessen, nicht den Speicherverbrauch im Leerlauf. Zu RAM-Zahlen kommen wir gleich — mit einer ausdrücklichen Warnung.
Was wir zum RAM-Verbrauch nicht behaupten
Im Netz kursieren sehr genaue Zahlen: „Mint braucht 25 Prozent weniger RAM als Ubuntu.” Wir haben das nicht gemessen und nennen deshalb keine eigene Zahl.
Der Grund ist methodisch: Ein sinnvoller RAM-Vergleich braucht zwei frisch installierte Systeme auf identischer Hardware, nach identischer Laufzeit, mit identischer Definition davon, was „belegt” heißt — und schon die Frage, ob Dateisystem-Cache mitzählt, verschiebt das Ergebnis um Hunderte Megabyte. Ein Container, wie wir ihn für die Paketmessung benutzt haben, kann das prinzipiell nicht: Darin läuft kein Desktop.
Was sich aus unseren Zahlen seriös ableiten lässt: Ubuntu-Desktop installiert rund 400 MB mehr Software und startet mit snapd einen zusätzlichen Dienst samt eingebundener Snap-Images. Dass daraus ein höherer Leerlaufverbrauch folgt, ist plausibel. Wie hoch, wissen wir nicht — also sagen wir es nicht.
Der Update-Manager: Mints stärkstes eigenes Stück
Der Update-Manager ist das Programm, an dem Mints Philosophie am deutlichsten wird. Wir haben uns das Paket mintupdate (Version 7.1.4) heruntergeladen und den Quellcode angesehen, statt die Beschreibung zu zitieren.

Automatische Updates sind bei Mint bewusst opt-in
In automatic_upgrades.py stehen die ersten drei wirksamen Zeilen:
if not os.path.exists("/var/lib/linuxmint/mintupdate-automatic-upgrades-enabled"):
exit(0)
Automatische Aktualisierungen laufen nur, wenn eine bestimmte Datei existiert — sie sind standardmäßig aus und müssen aktiv eingeschaltet werden. Das ist das Gegenteil von Ubuntus unattended-upgrades, das Sicherheitsaktualisierungen ab Werk selbstständig einspielt.
Weiter unten im selben Skript:
power_connectfile = "/sys/class/power_supply/AC/online"
...
if powersupply:
# Put shutdown and reboot blocker into place
os.symlink(pkla_source, pkla_target)
Mint aktualisiert nur bei angeschlossenem Netzteil und setzt während des Vorgangs eine Sperre gegen Herunterfahren und Neustart. Das sind Details, die jemand eingebaut hat, der an Laptops denkt, denen mitten im Update der Saft ausgeht.
Die zwei Philosophien, sachlich
| Ubuntu | Mint | |
|---|---|---|
| Sicherheitsupdates ab Werk | automatisch (unattended-upgrades) | Hinweis, Nutzer entscheidet |
| Automatikmodus | Standard | Opt-in per Datei |
| Akku-Rücksicht | nein | ja, nur am Netzteil |
| Kernel-Verwaltung | im Hintergrund | eigene Oberfläche mit Auswahl |
| Snapshots | nicht integriert | Timeshift ab Werk |
Welche ist besser? Das kommt darauf an, und zwar ehrlich in beide Richtungen.
Für Ubuntu spricht: Der durchschnittliche Nutzer klickt Update-Hinweise weg. Ein System, das Sicherheitslücken von selbst schließt, ist für diese Mehrheit sicherer. Und wir haben bei uns selbst gesehen, wie trügerisch das Gegenteil ist — auf einem unserer Server liefen unattended-upgrades monatelang tadellos, und die Maschine lief trotzdem mit einem 14 ABI-Versionen alten Kernel, weil niemand neu gestartet hatte. Aktualisierung eingespielt heißt nicht Aktualisierung wirksam.
Für Mint spricht: Ein Update, das im Hintergrund passiert, ist ein Update, das man nicht rückgängig machen kann, wenn danach etwas kaputt ist — und man weiß nicht einmal, was sich geändert hat. Mints Kombination aus „du entscheidest” und Timeshift-Snapshots ab Werk ist für Leute, die ihren Rechner zum Arbeiten brauchen, das robustere Modell.
Die frühere Kritik, Mint halte Sicherheitsupdates absichtlich zurück, ist übrigens veraltet: Die alte Stufeneinteilung (Level 1–5), die riskante Updates ausblendete, gibt es in dieser Form nicht mehr. Der heutige Update-Manager zeigt alles an und empfiehlt, alles einzuspielen.
Support-Zeiträume: Ubuntu gewinnt deutlich
| System | Erschienen | Unterstützt bis | Mit Erweiterung |
|---|---|---|---|
| Ubuntu 26.04 LTS | 23.04.2026 | 30.04.2031 | 30.04.2036 (Pro) |
| Ubuntu 24.04 LTS | 25.04.2024 | 31.05.2029 | 31.05.2036 (Pro) |
| Linux Mint 22.3 | 11.01.2026 | 30.04.2029 | — |
| Linux Mint 21.3 | 12.01.2024 | 30.04.2027 | — |
Das ist ein struktureller Nachteil von Mint, der direkt aus der dünnen Schicht folgt: Mint 22.3 endet 2029, weil Ubuntu 24.04 dann endet. Ein im Januar 2026 erschienenes System hat also nur noch gut drei Jahre vor sich, während ein drei Monate später erschienenes Ubuntu 26.04 fünf Jahre bietet — und mit dem kostenlosen Ubuntu-Pro-Abo für Privatnutzer (bis zu fünf Rechner) sogar zehn.
Für einen Desktop ist das weniger dramatisch als für einen Server, weil man ohnehin alle paar Jahre auf eine neue Version wechselt. Aber es ist ein realer Unterschied, und Mint-Fürsprecher übergehen ihn gern.
Die Ubuntu-Pro-Einschränkung gehört allerdings dazu, damit die Rechnung ehrlich bleibt: Die kostenlose Fünf-Jahres-Zusage von Ubuntu deckt nur die Komponenten main und restricted ab. Wie wir in Debian vs Ubuntu nachgezählt haben, liegen rund 90 Prozent des Ubuntu-Katalogs in universe/multiverse — und dort greift die Zusage erst mit Pro. Für einen Desktop mit Standardanwendungen ist das meist unkritisch, aber es ist nicht die pauschale „fünf Jahre für alles”, als die es oft dargestellt wird.
Installation, Hardware und Alltag
ISO-Größe
| Abbild | Größe |
|---|---|
| Linux Mint 22.3 XFCE | 2,83 GB |
| Linux Mint 22.3 Cinnamon | 2,88 GB |
| Linux Mint 22.3 MATE | 2,92 GB |
| Ubuntu 26.04 Desktop | 6,07 GB |
| Ubuntu 24.04.4 Desktop | 6,20 GB |
Content-Length per HTTP-HEAD von den offiziellen Spiegelservern, August 2026.
Ubuntus Abbild ist mehr als doppelt so groß. Das liegt an der seit 24.04 mitgelieferten Vollausstattung inklusive vorgespeicherter Snaps. Für die Installation von USB-Stick ist das nur eine Frage der Geduld, aber bei langsamer Leitung ist es ein spürbarer Unterschied.
Codecs und proprietäre Treiber
Beide fragen bei der Installation, ob Multimedia-Codecs mitinstalliert werden sollen. Mint bündelt sie zusätzlich im Paket mint-meta-codecs und liefert libdvdcss2 aus dem eigenen Archiv mit — bei Ubuntu ist das ein Nachinstallationsschritt.
Für Grafiktreiber haben beide ein grafisches Werkzeug (mintdrivers bzw. „Zusätzliche Treiber”). Hier gilt aber wieder der Kernel-Punkt von oben: Mints älterer Kernel ist bei brandneuer Hardware der Nachteil, den kein Treiberwerkzeug ausgleicht. Mint bietet in seinem Update-Manager immerhin eine eigene Kernel-Auswahl an, mit der sich ein neuerer HWE-Kernel einspielen lässt.
Ein Detail, das Mints Charakter zeigt
In ubuntu-system-adjustments liegt diese Datei:
# Blacklist the ntfs3 driver
# See https://github.com/orgs/linuxmint/discussions/680
blacklist ntfs3
Mint deaktiviert den neueren NTFS-Treiber des Kernels und benutzt weiter den älteren, weil der zuverlässiger ist. Und in 50_linuxmint.conf:
# Reduce shutdown timeout from 90s to 10s.
# - 90s is too long for users to wait (they think it's hanging indefinitely,
# and they eventually just use their power button)
Das ist Mint in zwei Dateien: pragmatische Korrekturen an Ubuntu, jede mit einer Begründung im Kommentar, alle darauf ausgerichtet, dass ein normaler Mensch nicht auf den Ausschaltknopf drückt. Das ist kein technischer Durchbruch — aber es ist genau die Sorte Detailpflege, die den Ruf begründet.
Wofür wir was empfehlen

Nimm Linux Mint, wenn …
- du von Windows kommst. Das ist der stärkste Einzelgrund. Kein Umlernen, keine Übersichtsansicht, ein Startmenü, das sich wie ein Startmenü verhält.
- du Snap nicht willst. Mint ist die bequemste Art, ein Ubuntu-System ohne Snap zu betreiben — die Blockade ist bereits eingerichtet.
- du älteren Rechner hast. Besonders mit der XFCE-Ausgabe: 389 MB Download, 1,6 GB installiert, das Halbe von Ubuntu-Desktop.
- du Wert auf Kontrolle über Updates legst und Timeshift-Snapshots ab Werk haben willst.
- du jemand anderem einen Rechner einrichtest, der nicht basteln will.
Nimm Ubuntu, wenn …
- du neue Hardware hast. Laptop von 2026, aktuelle Grafikkarte, moderner WLAN-Chip: Kernel 7.0 und Mesa 26 gegen 6.8 und Mesa 24 ist kein Geschmacksurteil.
- du lange Supportzeiträume brauchst. 2031 statt 2029, mit Pro bis 2036.
- du entwickelst und aktuelle Werkzeuge willst. Python 3.14 statt 3.12, GCC 15 statt 13, Node 22 statt 18, Docker 29 statt 24 — ohne Fremdquellen einzubinden.
- du GNOME magst. Das ist ein völlig legitimer Grund, und wer den Arbeitsablauf verinnerlicht hat, will ihn nicht zurücktauschen.
- du beruflich mit Ubuntu-Servern arbeitest und dieselbe Grundlage auf dem Schreibtisch haben willst.
Wo wir selbst stehen
Ehrlichkeitshalber: Wir benutzen keins von beiden als Hauptdesktop. Unsere Arbeitsrechner laufen mit Fedora Workstation, unsere Server überwiegend mit Debian. Das ist relevant für die Einordnung dieses Artikels: Die Messungen oben sind reproduzierbar und stammen aus echten Archiven und echten Paketauflösungen — aber es sind keine Erfahrungsberichte aus monatelanger täglicher Nutzung beider Systeme. Wo wir gemessen haben, sagen wir es. Wo wir einordnen, ist es Einordnung.
Was wir nicht gemessen haben
Damit klar ist, wo die Grenzen dieses Vergleichs liegen:
- RAM-Verbrauch im Leerlauf — nicht gemessen, siehe die Begründung oben. Kursierende Prozentzahlen haben wir bewusst nicht übernommen.
- Bootzeit — nicht gemessen. Das braucht identische Hardware und identische SSDs, sonst misst man den Datenträger.
- Grafikleistung und Spiele — nicht gemessen.
- Stabilität über Monate — nicht messbar in einem Testaufbau, und Einzelerfahrungen taugen nicht als Beleg.
- Der Installationsvorgang selbst — wir haben keine der beiden ISOs installiert, sondern die Abbilder nur vermessen.
Was wir gemessen haben: Paketarchive, Abhängigkeitsketten, Download- und Installationsgrößen, ISO-Größen, Support-Fristen und den ausgelieferten Quellcode der jeweiligen Werkzeuge.
Häufige Fragen
Ist Linux Mint besser als Ubuntu?
Nein — es ist anders ausgerichtet. Mint ist besser für Windows-Umsteiger, für ältere Hardware und für alle, die kein Snap wollen. Ubuntu ist besser für neue Hardware, für längeren Support und für Entwickler, die aktuelle Werkzeuge brauchen. Da Mint auf Ubuntu aufbaut und rund 99 Prozent seiner Pakete von dort bezieht, ist der Unterbau ohnehin derselbe.
Was ist der Hauptunterschied zwischen Ubuntu und Linux Mint?
Der sichtbarste Unterschied ist der Desktop: Cinnamon mit klassischem Startmenü und unterer Leiste gegen GNOME mit Übersichtsansicht und Seiten-Dock. Der folgenreichste Unterschied ist Snap: Ubuntu liefert es mit und installiert Firefox als Snap, Mint blockiert snapd per APT-Pinning mit Pin-Priority: -10 und liefert Firefox als echtes 321-MB-Paket.
Ist Linux Mint schneller als Ubuntu?
Beim Platzbedarf messbar sparsamer: Der Cinnamon-Desktop lädt 500 MB gegen 799 MB bei Ubuntu-Desktop, die XFCE-Ausgabe sogar nur 389 MB. Zur Ausführungsgeschwindigkeit haben wir keine eigenen Messungen und nennen deshalb keine Zahl. Da beide denselben Kernel-Unterbau nutzen, sind Unterschiede vor allem beim Desktop-Aufbau und beim Anwendungsstart zu erwarten — Snaps starten spürbar langsamer als .deb-Pakete.
Kann ich Snap unter Linux Mint installieren?
Ja, aber es ist eine bewusste Handlung. Die Datei /etc/apt/preferences.d/nosnap.pref muss entfernt werden, danach lässt sich snapd normal über APT installieren. Mint dokumentiert diesen Weg selbst im Benutzerhandbuch. Solange die Datei existiert, verweigert APT die Installation.
Welches Linux Mint soll ich nehmen — Cinnamon, MATE oder XFCE?
Cinnamon ist die Hauptausgabe und bekommt die meiste Entwicklungsarbeit; sie ist die richtige Wahl, wenn nichts dagegen spricht. XFCE ist die Wahl für schwache oder alte Rechner: 389 MB Download und 1,6 GB installiert gegen 500 MB und 2,5 GB bei Cinnamon. MATE liegt dazwischen und lohnt sich vor allem, wenn man die klassische GNOME-2-Bedienung mag.
Welche Linux-Version ist neuer, Mint 22.3 oder Ubuntu 26.04?
Ubuntu 26.04, deutlich. Mint 22.3 erschien zwar im Januar 2026, basiert aber auf Ubuntu 24.04 vom April 2024. Das zeigt sich in den Kernpaketen: Kernel 6.8 gegen 7.0, Python 3.12 gegen 3.14, GCC 13 gegen 15, Mesa 24 gegen 26.
Läuft Linux Mint auf neuer Hardware?
Möglicherweise nicht ohne Nacharbeit. Mint 22.3 nutzt Kernel 6.8 und Mesa 24.0 — bei Hardware aus 2025 oder 2026 kann das zu fehlender Unterstützung für WLAN-Chips, Grafikkarten oder Sensoren führen. Der Update-Manager von Mint bietet eine Kernel-Auswahl, über die sich ein neuerer HWE-Kernel nachinstallieren lässt. Bei sehr aktueller Hardware ist Ubuntu 26.04 die risikoärmere Wahl.
Wie lange wird Linux Mint 22.3 unterstützt?
Bis April 2029. Das ergibt sich aus der Basis Ubuntu 24.04 LTS, deren Support im Mai 2029 endet. Ubuntu 26.04 LTS wird dagegen bis April 2031 unterstützt, mit dem für Privatnutzer kostenlosen Ubuntu Pro sogar bis 2036.
Ist Linux Mint ein eigenes Betriebssystem oder nur ein Ubuntu-Abkömmling?
Technisch ein Abkömmling, und zwar ein sehr schlanker: Mints eigenes Paketarchiv enthält 559 Pakete, Ubuntu 24.04 dagegen 72.499. Rund 0,77 Prozent der Software auf einem Mint-System stammt aus Mints eigener Hand — im Wesentlichen Cinnamon, die X-Apps, die Mint-Werkzeuge und das Erscheinungsbild. Kernel, Systemdienste, Bibliotheken und alle Serverpakete sind unverändertes Ubuntu.
Aktualisiert sich Linux Mint automatisch?
Standardmäßig nicht. Im Quellcode des Update-Managers steht als erste wirksame Anweisung eine Prüfung, ob die Datei /var/lib/linuxmint/mintupdate-automatic-upgrades-enabled existiert — fehlt sie, endet das Skript sofort. Automatische Updates sind also opt-in. Zusätzlich laufen sie nur bei angeschlossenem Netzteil. Ubuntu spielt Sicherheitsupdates über unattended-upgrades dagegen ab Werk selbstständig ein.
Fazit
Ubuntu vs Mint ist keine Frage von besser oder schlechter, sondern von zwei klaren Zielgruppen — und die Messungen zeigen ziemlich genau, wo die Grenze verläuft.
Mint ist eine dünne, sorgfältig gepflegte Schicht auf Ubuntu: 559 eigene Pakete gegen 72.499 aus dem Unterbau. Diese Schicht liefert genau drei Dinge, und alle drei sind für Einsteiger wertvoll: einen vertrauten Desktop, die Abwesenheit von Snap (technisch durchgesetzt, nicht nur versprochen) und Werkzeuge wie Timeshift und den Update-Manager, die jemand für Menschen gebaut hat, die nicht basteln wollen.
Der Preis dieser Schicht ist ihr Alter. Mint 22.3 aus dem Januar 2026 fährt auf einem Unterbau vom April 2024 — mit allen Folgen für neue Hardware, aktuelle Entwicklungswerkzeuge und die zwei Jahre kürzere Supportfrist.
Die praktische Regel: Neue Hardware oder aktuelle Werkzeuge → Ubuntu. Windows-Umstieg, ältere Hardware oder ein Rechner für jemand anderen → Mint, und bei wirklich schwacher Hardware die XFCE-Ausgabe.
Und die beruhigende Nachricht für alle, die vor der Entscheidung stehen: Weil beide denselben Unterbau teilen, ist ein Wechsel später weder ein Bruch noch ein Neuanfang. Es ist derselbe Motor, in einem anderen Gehäuse.
Wer tiefer einsteigen will: Debian vs Ubuntu erklärt den Unterbau von Ubuntu selbst, Fedora vs Ubuntu stellt das dritte große Lager daneben, und Fedora Linux im Deep Dive zeigt, wie eine Distribution aussieht, die den entgegengesetzten Weg geht.
